Mit offenen Armen …

ein Impuls zum 3. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Ursula Borchert

„Der nimmt den ja in den Arm!“

Jannis staunt. „Wer?“ „Na der, mit der roten Mütze!“.

Wir stehen bei uns in der Matthäuskirche und betrachten die bunten Kirchenfenster. Kinder sind heute zu Gast und die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ kennen sie schon aus der Grundschule und den gemeinsamen Gottesdiensten, die wir gefeiert haben. Das Fenster zieht sie immer wieder in seinen Bann.

„Der hat den doch wiedergefunden, der ist doch wieder zu Hause!“ Kati ist bei der Überschrift dieser Geschichte gar nicht wohl. Ihr gefällt es viel besser, wenn wir die „Geschichte vom barmherzigen Vater“ erzählen. Sie spürt, dass es das ist, was das Wesentliche ausmacht. Der Gedanke des Sohnes, der in die weite Welt hinauswill, ist ihr nicht so wichtig. Sie spürt, dass es nicht ok ist, so in Saus und Braus zu leben und das Geld seines Vaters, sein Erbe zu verprassen.

Sie merkt, dass er Menschen um sich herumhat, die zwar mit ihm feiern, ihn aber hängen lassen und sich als keine echten Freunde erweisen als das Leben schwerer wird und kein Geld mehr da ist. Und er tut ihr leid als er nur noch die Möglichkeit hat, Schweine zu hüten und die Schoten zu essen, die man ihnen als Futter gegeben hat.

„Der nimmt den ja in den Arm!“ „Der hat den doch wiedergefunden!“

Jannis und Kati sind sich einig. Gut, dass der Sohn sich getraut hat, wieder nach Hause zu gehen – obwohl er weiß, dass er ziemlichen Mist gebaut hat. Gut, dass er sich getraut hat zu sagen: „Das, was ich gemacht habe, war nicht in Ordnung.“ Gut, dass er mutig war nach all dem, was er erlebt hat. Gut, dass er im wahrsten Sinne des Wortes umgekehrt ist und sich Gedanken gemacht hat, welche Richtung er in seinem Leben einschlagen möchte.

„Der nimmt den ja in den Arm!“ „Der hat den doch wiedergefunden!“

Da hätte er sich wohl nicht getraut zu ahnen, was dann passierte, als er in der Ferne den väterlichen Hof sah. Er wurde dort voller Sehnsucht erwartet. Der Vater eilte ihm entgegen und hat ihm so sicherlich das letzte Stück des Weges erleichtert. Der Blick des Vaters ist noch voller Sorge, das Gesicht geprägt von Spuren einer Zeit voller schwerer Gedanken.

Aber dann die offenen Arme, die Hände auf den Schultern des Sohnes, dem man ansieht wie das Leben ihn geprägt und gezeichnet hat.

Ein Bild von ersehnter und erhoffter und vielleicht auch nicht für möglich gehaltener Zweisamkeit. Keine Strafe, keine Vorwürfe, kein „Wie kannst Du Dich hier nur wieder blicken lassen.“ Das sind eher die Gedanken des Bruders. Beim Vater erfährt er genau das Gegenteil. Man ahnt die Erleichterung, dass der, von dem man glaubte, dass man ihn nicht wiedersehen würde, wieder da ist.

 „Der nimmt den ja in den Arm!“ „Der hat den doch wiedergefunden!“

Dieser Sonntag ist der Sonntag der offenen Arme, so hat es jemand einmal formuliert.

Die biblischen Geschichten dieses Tages und der Wochenspruch für die heute beginnende Woche wissen genau darum und erzählen dies in unterschiedlichen Facetten. Wie vielfältig kann das Verlorengehen sein, wie glücklich aber das Wiederfinden. Da ist der Sohn, der die offenen Arme seines Vaters spürt und sich in ihnen geborgen wissen darf.

Da ist das kleine Schaf, das sich verirrt hat. Es ist eines von hundert in einer ganzen Herde. Allein kann es nicht zurück zu ihnen, aber der Hirte sucht nach ihm und lässt sogar die anderen 99 für eine Weile allein. Sie haben ja sich, aber das einzelne Schäfchen hat nur ihn. Und er geht es suchen bis er es gefunden hat und zu den anderen zurückbringen kann. In seinen Armen darf es sich gut aufgehoben fühlen.

Wenn Sie und Ihr die Geschichten einmal in Ruhe lesen möchten; sie finden sich im 15. Kapitel des Evangeliums nach Lukas.

Mit offenen Armen empfangen zu werden – zu Hause und auch in der vor uns liegenden Sommerzeit, ganz gleich wo Sie und Ihr diese Sommerferienwochen verbringen werden. Mit offenen Armen empfangen werden und die Chance zu ergreifen, sich Gedanken darüber zu machen, wie es weitergehen soll und was ganz persönlich wichtig ist, bleiben oder wieder werden soll. 

Ich wünsche Ihnen und Euch einen behüteten Sonntag der offenen Arme und eine gesegnete neue Woche –
vielleicht sogar auch voll Mut zu neuen Wegen, dem ein oder anderen Richtungswechsel und so oft wie möglich dem Vertrauen, dass es jemanden gibt, der uns sucht, wenn wir uns verloren fühlen. Wie gut zu wissen, dass da jemand ist, der uns Barmherzigkeit schenkt, so wie sich Vater und Mutter über ihre Kinder erbarmen.

Ihre/Eure Ursula Borchert

aus Psalm 103

Lobe den Herrn, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen! 

Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
So fern der Morgen ist vom Abend,
lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über die,
die ihn fürchten. 

Lobe den Herrn, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

Wunsch

Dass einer mich findet,
wenn ich mich selbst verliere,
dass einer meinen Namen
bei sich bewahrt. 

Dass einer noch weiß,
wer ich bin,
und neu erzählt,
was ich längst vergaß. 

Dass einer mich birgt
im Haus einer Liebe,
die weiter reicht als das,
was ich ahne von mir. 

aus: Tina Wilms, Erdennah - Himmelweit, Neukirchen-Vlyn 4. Aufl. 2019, Seite 83

Segen

Gott,
segne uns mit der lebendigen Freude am Glauben.
Segne uns mit den guten Erfahrungen der Liebe.
Segne uns mit der erfrischenden Kraft der Hoffnung.
So segne und behüte uns der dreieinige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen 

aus: Neue Praxishilfe Liturgie, Band 2, hg. v.Ernst L. Fellechner/ Hartmut Miethe Nidderau 2005 Seite 53

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