zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni

Ein Impuls zu Matthäus 11, 25-30 von Pfarrer Andreas Menzel

Federleicht oder tonnenschwer?

Es gibt Sprachbilder, die muss man erst einmal erklären. Weil das ursprüngliche Bild, mit dem eigentlich etwas veranschaulicht werden soll, keiner mehr kennt. Mit der Redewendung von dem Joch scheint mir das so zu sein. „Nehmt auf euch mein Joch“, sagt Jesus – und vor Augen hat er einen Vorgang, der in dem Kontext seiner Zeit damals verbreitet war: Eine gebogene Stange quer über die Schultern gelegt und dann an jedem Ende ein Gefäß, ein Beutel oder ein Netz mit einer Last. 50, 60 Kilo kann man auf diese Weise durchaus tragen. Wenn die Last zu schwer ist, dann wird es anstrengend -und man bricht möglicherweise unter ihr zusammen.

Und so ist dieses Bild sprichwörtlich geworden: Eine Last drückt auf den Schultern, Menschen werden unterdrückt, jemand steht total unter Druck, wird nahezu erdrückt von den Belastungen, die er schultert. Solche Belastsungen lassen sich meist nicht in Zentnern oder Kilogramm messen, weil damit Lasten in einem übertragenen Sinn gemeint sind. Zum Beispiel eine Last, die auf die Seele drückt, die eigenen Gedanken beschwert oder die Gefühle bedrückt – also depressiv macht.

Eine Last auf den Schultern schränkt ein. Man muss sich konzentrieren, mit Bedacht, vorsichtig, behutsam jeden Schritt wählen, damit man nicht zusammenbricht unter dieser Last.

Mühsam ist das. So hat sich der Lebensalltag angefühlt für viele Menschen, die Jesus damals angesprochen hat.
Mühsam fühlt es sich an – auch heute. Was gibt es nicht alles, was unterdrückt und unter Druck setzt. Vielleicht denken manche zuerst an repressive Strukturen – in manchen Teilen der Welt, aber auch global gesehen: Systeme mit so vielen perfiden, differenzierten Unterdrückungsmechanismen, dass man da gar nicht mehr durchblickt, bis an einer Stelle das System zusammenbricht – wenn etwa im Schlachthaus die Arbeiter zu Hunderten erkranken. Wer kann sie überhaupt tragen, diese globale Last, die uns auferlegt ist, die man irgendwie anscheinend tragen muss, damit das Leben funktioniert? Ein Leben unter Druck, eine Welt unter Druck.

So viele Lasten gibt es, die weggeschafft und bewältigt werden müssen. Ein Blick in das eigene, persönliche Erleben zeigt da vielleicht noch ganz anderes. Schulstress. Den Druck am Arbeitsplatz. Auch den Umgang mit Corona. Finanzielle und gesundheitliche Sorgen.

Für die Menschen damals im Umfeld von Jesus brachte nicht zuletzt die Religion starke Belastungen. Menschen waren unterdrückt – weil sie Regeln zu befolgen und die Last von Geboten und Verordnungen zu tragen hatten. Du musst, du darfst nicht, ...

Jesus sagt: Legt diese Lasten einfach ab. Kommt her zu mir, alle, die ihr euch mit diesen sinnlosen Lasten quält.

Sinnlos sind diese Lasten, weil sie zu schwer, also untragbar sind. Sinnlos, weil das Ziel, zu dem ihr mit den Lasten unterwegs seid, ohnehin verfehlt ist.
Sinnlos, weil das Tragen dieser Lasten das Leben kaputt macht anstatt es aufzubauen, Menschen niederdrückt statt sie aufzurichten.

Schluss damit, sagt Jesus. Genug mit dem Schleppen dieser sinnlosen, destruktiven Lasten. Legt diese Lasten erst einmal ab. Und dann sehen wir weiter. Es ist nicht im Sinn Jesu, dass Menschen unter Lebens-Lasten zusammenbrechen. Jesus lebt die Vision, dass Menschen aufgerichtet werden. Keiner muss sich den Rücken krumm machen, sondern darf aufrechten Ganges durch das Leben gehen.

Wer ist dieser Jesus eigentlich?, haben sich die Menschen gefragt, und um eine Antwort auf diese Frage geht es in diesem 11. Kapitel aus dem Matthäusevangelium ein paar Verse zuvor:
Er ist der Messisas, der von Gott gesandte Retter der Welt, der den Auftrag hat, ein neues Reich aufzubauen. Und das ist grundlegend anders, als die Reiche oder Herrschaftssystem, in denen Menschen ihr kleines Leben organisieren:

Jesus verkörpert die Vision einer anderen Lastenverteilung.

Er verspricht Stärkung und Erholung. Resilienz, eine Auszeit. Man kann davon träumen, dass es so etwas geben könnte. Man darf daran glauben. Glauben heißt, so zu leben, dass es möglich wird.

Im Reich Jesu gibt es kein Oben und Unten, keine Hierarchien – keinen, der von der Spitze den Druck nach unten weitergibt. Keiner wird genötigt, sich schwere Lasten auf die Schultern zu laden.

Obwohl: es gibt durchaus Lasten.
denn "nehmt auf euch mein Joch", sagt Jesus.
Aber er fügt hinzu: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."
Erträglich könnte man sagen: machbar.
Wer Fitnesstraining macht, kann das vielleicht nachvollziehen: Da legt man sich ja auch bewusst Lasten auf. Gewichte, die man dann auf irgendeine Weise bewegt. Ein Trainingsprogramm, das durchaus ins Schwitzen bringt.
Aber alles ist so leicht oder so gewichtet, dass es den Körper nicht kaputtmacht und Gelenke oder Muskeln ruiniert, sondern aufbaut.

Von solch einer Art Last spricht Jesus. Von einer Last, die aufbaut. Die das System des Körpers stärkt. Die das System der Gemeinde stärkt, und die auch für das System unserer Gesellschaft gut ist.

Wenn die Last zu schwer ist, dann macht sie klein und unbeweglich,
wenn die Last hingegen das richtige Maß hat, dann baut sie auf, und macht stark und frei.

Vielleicht liegt die größte Herausforderung darin, auf diese Einladung von Jesus zum Lasten-ablegen einzugehen, und dann das richtige, passende Maß anzunehmen.
Auf den ersten Blick kann das ja durchaus auch als Schwäche ausgelegt werden. Weil man das nicht mehr schafft, nicht mehr mitmacht, was normal ist: schweren Ganges und mit krummen Buckel durchs Leben zu gehen.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, sagt Jesus. Von Jesus lernen heißt: daran zu glauben, dass man mit Sanftmut und Demut ans Ziel kommen kann, mit den stärkenden Lasten, die wir schultern - an ein gutes Ziel: Gottes Reich in unserer Mitte.

Eine gesegnete, frohe, zuversichtliche Zeit wünscht Ihnen
Pfarrer Andreas Menzel.

Von Jesus lernen

»Kommt zu mir,
ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid!
Bei mir werdet ihr Ruhe finden.
Nehmt das Joch auf euch,
das ich euch gebe.
Lernt von mir:
Ich meine es gut mit euch
und sehe auf niemanden herab.
Dann wird eure Seele Ruhe finden.
Denn mein Joch ist leicht.
Und was ich euch zu tragen gebe,
ist keine Last.«

Matthäus 11, 28-30 (Übersetzung: BasisBibel)

Psalm 36

HERR, deine Güte reicht bis an den Himmel
und deine Wahrheit bis zu den Wolken.
Deine Gerechtigkeit steht fest wie die Berge,
die Gott am Anfang der Welt verankert hat.
Dein Recht ist so grenzenlos wie die Flut,
die vor der Schöpfung die Erde bedeckte.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie kostbar ist doch deine Güte.
Zu dir kommen die Menschenkinder.
Im Schatten deiner Flügel finden sie Schutz.
Von den Gaben deines Hauses essen sie sich satt.
Von dem Bach, der zu deiner Freude rauscht,
gibst du ihnen reichlich zu trinken.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.
In deinem Licht sehen wir das Licht.

Psalm 36, 6-10 (BasisBibel)

Einladung zum Gebet

Gott,
wir suchen Orte und Zeiten,
die Ruhe schenken, Lebendigkeit und Kraft.
Wir suchen Orte,
wo wir ablegen können, was uns belastet:
Aufgaben, die erledigt werden müssen,
Sorgen, die uns beschweren,
Gedanken, die nichts still stehen.
Gott, schenke uns Zeit,
um unbeschwert Kräfte zu sammeln
und Stärkung zu erfahren.
Danke, dass du dir Zeit nimmst für uns.
Wir bitten dich,
sei und bleibe du die Quelle unseres Lebens,
durch Jesus Christus,
in dem du uns liebend nahe kommst,
Gott, der du uns belebst und inspirierst
mit deinem Heiligen Geist,
heute und jeden Tag.
Amen.

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